#Guest Contribution: Der Ton im Netz

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Credit: Stefan Günther (CC BY SA 2.0)

Wie werden Whistleblower in verschiedenen Ländern wahrgenommen? Führt Digitalisierung zu einem Überwachungskapitalismus? Sind Blogs und soziale Medien in autoritären Staaten Katalysator für demokratischen Wandel? Wie diskutiert Europa den Umgang mit Cyberkonflikten? Im Rahmen unseres Finding Europe-Mottos erscheint zu diesen und anderen Fragen in Kooperation mit unserem Medienpartner euro|topics bis zur re:publica alle zwei Wochen eine Debattenschau mit Stimmen aus der Presse und dem europäischen Netz. Der sechste und letzte Beitrag erkundet, wie europäische Medien mit Anonymität im Netz umgehen.

Im Internet wird gehasst, gemobbt und unter die Gürtellinie getreten. Im Schutz der Anonymität toben sich User in Onlinekommentaren aus. Verbessert ein Anonymitätsverbot das Miteinander im Netz oder beschneidet es gar die Meinungsfreiheit?

Damit hatten die Journalisten des estnischen Nachrichtenportals Delfi wohl nicht gerechnet, als sie einen Artikel über den Fährunternehmer Vjatšeslav Leedos schrieben: Die Nachricht, dass Eisbrecher seinen Schiffen im Winter den Weg frei räumen sollen, erboste etliche Leser so sehr, dass sie ihrer Wut im Kommentarbereich des Portals freien Lauf ließen. Sie gaben Leedos die Schuld daran, dass sie nicht mehr mit dem Auto über das Eis fahren können und beleidigten den Geschäftsmann dabei persönlich. Er reichte daraufhin eine Schadenersatzklage gegen das Onlineportal ein. Der Fall ging durch alle Instanzen, jede gab dem Fährmann Recht. Doch Delfi wollte nicht hinnehmen, dass es für anonyme Hass-Kommentare seiner Leser verantwortlich sein sollte. Es sah darin eine Verletzung der Meinungsfreiheit und klagte gegen den Staat Estland beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Urteil wird dieses Jahr erwartet.

Nichts Geringeres als eine Diskussion um die Zukunft des Internets hat der Fall Leedos ausgelöst, ist Delfi-Chefredakteur Urmo Soonvald überzeugt: "Es geht darum, ob und wie Portale sich mit Nutzerkommentaren beschäftigen sollen und ob eine Moderation im Kommentarbereich nötig ist. Die Anwältin von Delfi hat in ihrem Plädoyer den Richtern die Frage gestellt, welches Internet wir den kommenden Generationen überlassen wollen."

Soziale Netzwerke sind die Pest von heute

Wird Delfi anonyme Kommentare weiterhin zulassen, sollten die Richter gegen das Medienunternehmen entscheiden? Oder wird es seine Leser dazu zwingen, mit Klarnamen aufzutreten? Für ihre Befürworter ist Anonymität im Netz ein notwendiges Recht, das es Jedem erlaubt, frei seine Meinung zu äußern, ohne dass ihm daraus Nachteile erwachsen. Andere sind sich einig, dass beleidigende und menschenverachtende Kommentare verschwänden, wenn jeder sein Gesicht zeigen müsste.

Der Meinung ist auch der türkische Kolumnist Engin Ardiç. Gegen ihn läuft ein Verfahren, weil er angeblich auf Twitter einen regierungskritischen Journalisten beleidigt haben soll. Ardiç weist jedoch alle Schuld von sich und gibt an, Unbekannte hätten den Twitter-Account in seinem Namen eröffnet. In der regierungsnahen Zeitung Sabah wettert er: "Soziale Netzwerke sind zur Pest unserer Zeit geworden. Sie sind Mülleimer, in die Geisteskranke mit krummen Hirnen ihren geistigen Unrat spucken können. Erbarmungswürdige Soziopathen, die nichts unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen wollen, verbreiten hier getarnt und maskiert, was ihnen auf der Zunge liegt."

Dummheit kann man nicht verbieten

Ganz so bitter formuliert es eine Gruppe Parlamentarier in Großbritannien nicht. Dennoch setzt sie sich politisch gegen anonyme Schmäh- und Hassnachrichten im Netz ein. Deren Verfasser wollen die Abgeordneten künftig aus sozialen Netzwerken ausschließen. Die Tageszeitung The Independent fragt sich allerdings nach dem Sinn dieses Vorhabens: "'Hitler hatte recht' oder 'Es ist keine Vergewaltigung, wenn sie betrunken war': Die Wahrheit ist, dass es in Großbritannien nicht verboten ist, dumme, grausame und fehlgeleitete Gedanken zu haben. Doch es ist nicht Aufgabe der Polizei, diese Menschen zu sanfteren, einfühlsameren Leuten zu machen. Dies wäre einst die Aufgabe der Eltern gewesen. Jetzt ist es den Idioten überlassen, sich im Spiegel anzuschauen und sich zu wundern, weshalb sie sich konstant hundeelend fühlen."

In Schweden wollte der Fernsehsender TV3 den Spieß umdrehen und recherchierte die Identität anonymer Kommentatoren, die rassistische Posts geschrieben hatten. Diese machten die Fernsehleute vor laufender Kamera öffentlich. Es folgten Morddrohungen an die Schreiber. Die Tageszeitung Göteborgs Posten kritisiert die Aktion, da sie nach hinten losging: "Das Ziel der Aktion war einzig und allein, die Internet-Rassisten an den Pranger zu stellen. Und das Ergebnis ist vor allem Verbitterung. Auf rechtsradikalen Websites wird das nun bejubelt: Hass gegen Hass. Genau das wollen die Rechtsradikalen: eine gespaltene Gesellschaft."

Schmähkommentare auf Bestellung

Rumänische Politiker hingegen haben einen ganz eigenen Umgang mit Onlinekommentaren entwickelt. Parteien bezahlten über Jahre hinweg Leute dafür, dass sie die politischen Gegner im Netz schlecht machten. "Diese Unsichtbaren sind entweder Studenten, die sich etwas dazu verdienen wollen, junge 'Politiker in Ausbildung' oder verarmte Beamte und Rentner, die für Geld alles tun würden. Alle Parteien haben solche zuverlässigen Schreiberlinge angeleitet und aufgebaut, damit diese ihnen und ihren Parteichefs wie eine schnelle Eingreiftruppe zu Hilfe eilen können", erklärt das Onlineportal Gândul.

Das estnische Portal Delfi unterbrach im März kurzzeitig seinen Kampf für die Meinungsfreiheit im Kommentarbereich. Ein Wochenende lang war er gesperrt, weil unter einem Artikel über die rechte estnische Volkspartei eine Flut von Neonazi-Kommentaren hereinbrach.

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